15.05.2018

Die Schweiz leistet sich Nachhaltigkeit auf Kosten anderer

Text: Michael Bergöö, Programm & Politik Schweiz / Advocacy Agenda 2030

Im September 2015 wurde die "Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung" verabschiedet. Der 2017 erschienene SDG Index & Dashboards Bericht zeigt weiterhin grossen Handlungsbedarf bei der Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs) im Rahmen der Agenda. Auch die Schweiz, die sich nur auf Platz 8 befindet, muss sich anstrengen, will sie die Ziele bis 2030 erreichen.

Der jeweils im Juli gemeinsam von SDSN und der Bertelsmann Stiftung publizierte SDG Index & Dashboards Bericht dokumentiert die Fortschritte von insgesamt 157 Ländern hinsichtlich der Erreichung der 17 SDGs. Eine übersichtliche Ampelgrafik zeigt auf einen Blick, wo die jeweiligen Länder stehen. Dies hilft, bei den nationalen Zielen und den dazugehörenden Umsetzungsmassnahmen Prioritäten zu setzen.

Der Norden führt im Ranking Angeführt wird die Rangliste – wie so oft – von den Nordischen Ländern Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen. Sie balancieren die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit – Gesellschaft, Umwelt und Wirtschaft – am besten. Im Vergleich zu anderen Industrieländern zeigt das Ampelsystem beispielsweise auch bei „Industrie, Innovation und Infrastruktur“ (SDG 9), „Weniger Ungleichheiten“ (SDG 10) und „Mittel zur Umsetzung“ (SDG 17) auf grün. Auch von den Nachbarländern Deutschland (Rang 6) und Österreich (Rang 7) wird die Schweiz übertrumpft; Frankreich befindet sich auf Rang 10, Italien auf Rang 30. Globale Schwergewichte wie die USA (Rang 42), Russland (62) und China (71) belegen Plätze im Mittelfeld.

Spillover-Effekte trüben das Bild der Schweiz

Pionierarbeit leistet der Bericht von 2017 mit der Bezifferung von negativen Ausstrahlungseffekten (spillover effects). Dazu der Vorsitzende von SDSN Germany, Dirk Messner: „Wir wissen, dass eine ganze Reihe der besseren wirtschaftlichen und sozialen SDG-Werte der reicheren Länder mit erheblichen Belastungen für andere Länder und die globale Umwelt erkauft werden.“ Es sei deshalb besonders wichtig, dass die der Bericht einen Schwerpunkt auf diese Spillover-Effekte und globale Verantwortlichkeiten lege. Die erstmals berücksichtigten Indikatoren reichen von Umweltaspekten wie grenzüberschreitende Luftverschmutzung über wirtschaftliche Themen wie Steuerparadiese bis hin zu Waffenexporten.

Die Länder mit den grössten negativen Ausstrahlungseffekten (spillovers) sind vorwiegend reiche Industrie- oder Ölstaaten

Es ist kaum eine Überraschung, dass die Schweiz bei mehreren Spillover-Effekten schlecht abschneidet: Mit dem Import von Gütern und Dienstleistungen verursacht die Schweiz erhebliche Luftverschmutzungen und Biodiversitätsverluste in den Herkunftsländern. Aufgrund der intensiven Landwirtschaft und der damit verbundenen Einfuhr von Futtermitteln und Dünger „importiert“ die Schweiz auch durch Stickstoff bedingte Belastungen von Ökosystemen. Der Bericht zeigt aber auch schonungslos auf, dass der Schweizer Finanzplatz seiner globalen Verantwortung (noch) nicht nachkommt: Die Schweiz belegt beim Bankgeheimnis und als Steuerparadies die letzten Plätze. Und auch als Waffenexporteur untergräbt die Schweiz die Erreichung des SDG 16 (Frieden).

Trotz Top-10 Platzierung ist die Schweiz nur bei 2 von 17 SDGs auf Kurs.

Nachhaltiger Konsum als Herausforderung

Insgesamt befindet sich die Schweiz im Ranking auf Platz 8. Allerdings ist sie nur bei Ziel 1 (Armut) und Ziel 7 (Energie) im grünen Bereich. Bei allen anderen SDGs besteht für sie Handlungsbedarf, am dringendsten in den Bereichen Nachhaltigkeit bei Konsum und Produktion und in den Klimamassnahmen (insb. CO2-Emissionen) – hier steht die Ampel wie bei vielen anderen Industriestaaten auf Rot. Eine weitere ernüchternde Erkenntnis: Kein Land auf dieser Welt erreicht bis dato die Vorgaben von SDG 2 „Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen, und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern“. Deshalb wird sich Biovision weiter für einen Kurswechsel in der Landwirtschaft einsetzen, auf dem Feld und in der Politik, in der Schweiz und international.