11.03.2018

«Kamele sind die Zukunft»

Von Anfang März bis Ende Mai herrscht im Nordosten Kenias normalerweise die grosse Regenzeit. Doch immer häufiger bleiben die Niederschläge aus. Mit der Wiedereinführung von Kamelen hilft Biovision, ein Modell zur Linderung der Folgen von Dürren zu entwickeln.

Peter Lüthi, Kommunikation

Ein Mann mit einem Kamel

Die Schotterstrasse nördlich des Mount Kenya führt über 650 Kilometer von Isiolo bis an die somalische Grenze. Aus dieser Richtung ziehen anfangs Mai Tierkarawanen mit ihren Hirten nach Südwesten. Sie sind auf der Flucht vor der Dürre und auf der Suche nach Gras. Denn die Niederschläge lassen auch dieses Jahr auf sich warten.

Gemäss der Welternährungsorganisation (FAO) war das Horn von Afrika seit der Jahrtausendwende fast jedes Jahr von Dürren betroffen. Kenia litt erst 2014/15 unter extremer Trockenheit – eine Folge des Klimaphänomens «El Niño». Im Raum Isiolo, wo es immerhin ein wenig geregnet hat, konkurrieren Viehhirten verschiedener Völker um das knappe Futter. Die Lage ist angespannt.

Esse Steine

70 Kilometer östlich von Isiolo liegt das Dorf Kula Mawe – zu Deutsch «Esse Steine». Das passt. Es ist heiss und staubtrocken hier und das Leben der Borana, einem Volk von Viehhirten, ist hart. «Früher hatte ich etwa 110 Ziegen, heute sind es bloss noch zwanzig», erzählt der 64-jährige Abdy Guyo. Wie die meisten Menschen in Kula Mawe ist er auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Auch für seine älteste Tochter Amina und deren Familie ist die Situation kritisch, zumal ihr Mann an einem Bein gelähmt ist und nicht arbeiten kann. Trotzdem haben sie Grund zur Hoffnung. Seit April 2016 sind sie Besitzer von einer Kamelstute. Zuvor waren sie zusammen mit 16 weiteren Frauen und Männern von der Gemeinde für die Teilnahme am Modellprojekt von Biovision und Vétérinaires Sans Frontières Suisse (VSF) ausgewählt worden. Wenn die Dromedare kalben, werden die Besitzer jeden Tag ca. 3–7 Liter Milch haben. Diese ist sehr gesund und wichtig für die Ernährung. Der Verkauf von Milch wird ihnen zudem ca. 100 Kenya Shilling (ca. 90 Rappen) pro Liter einbringen. «Kamele sind viel robuster gegen Dürren als Kleinvieh und Rinder und sie geben auch während der Trockenzeiten Milch», freut sich Abdy Guyo.

  • Porträt Mann
    „Kamele sind die Zukunft“, sagt der erfahrene Hirte Benjamin Losusui. Denn Kamele sind viel robuster gegenüber Dürren als Rinder, Schafe und Ziegen.
  • Eine trockene Landschaft
    Warten auf den Regen: Landschaft bei Kula Mawe nördlich des Mount Kenya. „Kula Mawe“ ist Suaheli und bedeutet auf Deutsch „Esse Steine“.
  • Eine Herde mit einem Jungen
    Die Haltung von Rindern, Ziegen und Schafen ist sehr verbreitet unter Nomaden und Halbnomaden. Das Vieh kann der Dürre ohne Wasser nur 2 – 3 Tage widerstehen.
  • eine Viehherde
    Wo Regen fällt, sammeln sich die Hirten mit ihren Herden und konkurrieren um die knappen Weiden.
  • Landschaft mit Wolken
    Während der Regenzeit bilden sich erst dunkle Wolken. Die Niederschläge können sehr intensiv sein, fallen aber räumlich sehr begrenzt aus.
  • Landschaft mit Bergen im Hintergrund
    Es braucht nur einmal Regen, und schon spriesst das erste Gras. Da die Humusschicht sehr dünn und die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens marginal ist, braucht es während der Regenzeit immer wieder Niederschläge, damit das Gras ausreichend wachsen kann.
  • Kamelherde
    Kamele sind viel robuster als Gross- und Kleinvieh. Sie können 14 Tage ohne Wasser auskommen.
  • Kameljunges
    Nachwuchs in der Herde der Wabera-Gruppe, die sich am Kamelprojekt von Biovision beteiligt. Wenn die Herde auf die Weide zieht, bleiben die Fohlen im Lager. Sie werden in Gehegen aus Dornensträuchern gehalten, wo sie vor Hyänen und Löwen geschützt sind.
  • Kameljunges
    Im Projekt geboren: sieben Tage altes Kamelfohlen.
  • Kameljunges trinkt bei der Mutter
    Die Fohlen dürfen zwei Mal pro Tag Milch Trinken
  • Frau melkt Kamel
    Sobald das Fohlen seine Ration getrunken hat, wird die Stute von den Hirten ausgemolken.
  • Kamel wird gemolken
    Die Kamele der Wabera-Gruppe geben pro Tag 3 – 7 Liter Milch. Kamelmilch ist sehr reich an Vitamin C, wirkt als natürliche Prophylaxe gegen Diabetes und ist wärmetoleranter als Kuhmilch.
  • Porträt Frau
    Die 25 jährige Amina Abdy aus Kula Mawe: „Mein Kamel macht mich stolz. Denn bisher war der Besitz von Dromedaren den Männern vorbehalten“.
  • Mann mit Kamel
    Muktar Ibrahim, Verantwortlicher für das Kamelprojekt beim VSF in Isiolo: "Wir geben die Dromedare jetzt nur noch an Leute ab, die ein kleines Einkommen haben, damit sie die Kosten für die Behirtung und die Gesundheitsbetreuung der Tiere tragen können."
  • Kamelherde
    Kamele ernähren sich nicht nur von Gras, sondern auch von Blättern der Dornensträucher. Diese sind auch dann verfügbar, wenn das Gras während der extremen Trockenzeiten verdorrt ist.

Aus Fehlern lernen

«Vor einigen Jahren wurden jeweils die Ärmsten als Kamelhalterinnen bestimmt», berichtet Muktar Ibrahim, Projektzuständiger von VSF in Isiolo. Aber diese Menschen waren letztlich kaum in der Lage, das nötige Geld für die medizinische Versorgung der Tiere und die Bezahlung der Hirten aufzubringen. «Wir haben die Lektion gelernt und geben die Dromedare jetzt an Leute ab, die wenigstens ein kleines Einkommen haben», erklärt Muktar. Und es gilt noch weitere Herausforderungen zu meistern. So sind in Kula Mawe derzeit nur fünf Stuten trächtig und die schlechten Futterverhältnisse erschweren die Zucht zusätzlich.

Kula Mawe ist einer von 4 Standorten, an welchen insgesamt 50 von Biovision finanzierte Dromedare abgegeben wurden. Dank dem Projekt erfahren die Hirtenfamilien die Vorteile, welche diese Tiere besonders in Dürrezeiten bringen. Benjamin Losusui, ein erfahrener Hirt im Projekt hofft auf Nachahmung. «Kamele sind die Zukunft», ist er überzeugt.