3.4.2016

Geschichten aus Äthiopien

Schritt für Schritt in die Unabhängigkeit

von Peter Lüthi - Kommunikation & Kampagnen

Der 17. Januar 2016 war ein Freudentag für Hado Gemechu. An diesem Sonntag wurde ein Ziegenböcklein auf ihrem Bauernbetrieb geboren. Damit ist der erste Schritt von der Nothilfe in die Unabhängigkeit geglückt.

Nachwuchs: Das erste Zicklein ist geboren

Frau Gemechu hat einen klaren Plan für den Weg in die Selbständigkeit: „Wenn dieser Bock ausgewachsen ist, werde ich ihn für 1'000 Birr verkaufen können. Zwei Weitere werden folgen. Mit 3'000 Birr kann ich ein junges Rind erstehen“. Ihr Endziel sind zwei Kühe, acht Mutterziegen und deren Jungtiere. Die Kuhmilch will sie behalten für ihre Kinder. Und auch Butter machen und verkaufen, und mit weiblichen Jungziegen wird sie weiterzüchten. Hado ist zuversichtlich, dass sie dank der neuen Einkommensquellen eine zusätzliche Hektare pachten kann. Die Familie besitzt selber nur eine halbe Hektare. „Mit der Pacht könnten wir unsere Existenz sichern“, meint sie zuversichtlich. Das sei heute nicht der Fall. Ihr eigener Boden sei dafür zu klein. „Selbst wenn es rechtzeitig regnet, reicht die Ernte bloss für fünf Monate“, sagt sie. „Während der restlichen sieben Monate sind wir abhängig von der Nahrungsmittelhilfe“.

Dem Hunger vorbeugen
Frau Gemechu und ihr Mann leben mit ihren 4 Kindern in Luke Hada, einer Streusiedlung im dürregefährdeten Siraro-Distrikt in Äthiopien. Das Gebiet wurde während der letzten elf Jahre fünf Mal von Dürren und Hungersnöten heimgesucht. Da ging auch bei der Familie Gemechu nichts mehr ohne Nothilfe. Diese wurde massgeblich von der Caritas Vorarlberg unterstützt. Mit den Hungerkrisen reifte bei der österreichischen NGO die Absicht, Vorbeugemassnahmen zu ergreifen. Darum suchte Caritas einen Partner mit Wissen und Erfahrungen in ökologischer Landwirtschaft, und klopfte bei Biovision an. Die beiden Organisationen entwickelten gemeinsam mit Vertretern des „Social Development Coordination Office of Meki“ (katholischen Kirche Äthiopien) und mit der lokalen Bevölkerung das Projekt „Ernährungssicherheit in Siraro“. Ziel des Vorhabens ist es, die Widerstandskraft der Menschen gegen Dürrekrisen zu stärken.

…darunter Yamswurzeln, die Lema herzlichst empfiehlt – sie seien sehr gut für die Gesundheit.
Ehemann Gemechu Wako
Die Familie von Hado Gemechu
Der Hof der Familie Gemechu mit Nachbarn
Die Hirtin
Familie Gemechu mit Ziegen
Die aktuelle Hirtin (vorne), der Nachfolger (mitte) und die Zukunfshirtin (im Arm der Mutter)
Angeschrieben wird Isack Lemas Hof wie folgt unter der Vanille-Pflanze: „Agroforstwirtschaft, kennst du das?“
Das Markenzeichen: Blaue Erdbeersäulen.
Das Wasser im Fischteich wird zu den Erdbeeren gepumpt – zur optimalen Nutzung der Ressourcen.
Auch Gemüse pflanzt Lema an…
Hado Gemechu


Eine Grundlagenstudie weist den Weg

Eine wissenschaftliche Analyse zu Projektbeginn zeigte Möglichkeiten auf, wie die Menschen in Siraro ihre Abhängigkeit von der Nothilfe verringern können. Dazu müssten sie sich neue Einnahmequellen erschliessen. Mit dem Zusatzverdienst könnten sie sich während Dürrekrisen die fehlenden Nahrungsmittel kaufen. In guten Zeiten sollten sie Geld in den Aufbau weiterer Einkommenszweige investieren. Zugleich müssten zusammen mit den Dorfgemeinschaften die natürlichen Lebensgrundlagen erhalten und verbessert werden. Das könnte mit Erosionsschutzmassnahmen, dem Pflanzen von Bäumen und der Einführung energiesparender Kochherde erreicht werden. In der Grundlagenstudie wurden verschiedene Möglichkeiten zur Einkommenssteigerung vorgeschlagen: Die Zucht und Vermarktung von Ziegen, die Bienenhaltung und der Honigverkauf, die Hühnerhaltung und der Vertrieb von Eiern, ökologischer Gartenbau und der Gemüseverkauf, sowie das Anpflanzen von Bäumen für Früchte und Bauholz.

Verbesserte Ernährungssicherheit in Siraro

Komitees in den Gemeinden wählten die Projektteilnehmer aus. Menschen, die besonders stark unter den Dürren leiden, erhielten den Vorzug. Unter ihnen waren auch Hado Gemechu und ihre Familie. Für vierhundert angehende Ziegenhalter begann das Projekt mit einer Ausbildung. Auch Frau Gemechu und ihr Ehemann erlernten die artgerechte Haltung von Ziegen, deren ausgewogene Fütterung und die frühzeitigen Erkennung von Tierkrankheiten. Im Oktober 2015 zogen zwei trächtige Mutterziegen auf ihrem Hof ein. Seit der Geburt des Zickleins Mitte Januar gibt die Mutterziege Milch. Diese bekommt vorderhand allein das Böcklein, damit es kräftig und gesund heranwächst.
Leyu Gemechu, das siebenjährige Mädchen, wurde mit der Aufgabe der Ziegenhirtin betraut. Demnächst wird sie aber in die erste Schulklasse eintreten und den Hirtenstock ihrem jüngeren Bruder weitergeben. Und wenn dereinst die Jüngste so weit ist, wird sie hoffentlich Herrin einer stattlichen Herde sein. Aber das ist heute Zukunftsmusik. Denn das Projekt „Ernährungssicherheit in Siraro“ steht noch am Anfang. Ob es die Menschen schaffen, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Hungerkrisen zu steigern, wird sich in den nächsten Jahren weisen.