14.4.2016

Geschichten aus Äthiopien

Mit Bäumen lässt sich Geld verdienen

von Peter Lüthi - Kommunikation & Kampagnen

Bäume brauchen Zeit zum Wachsen. Darum ist mit ihnen kein schnelles Geld zu machen. Mittel- und langfristig sind Früchte und Holz aber ein gutes Geschäft. Und Bäume sind wichtig für die Umwelt und für das Mikroklima.

Unscheinbar und etwas verloren stehen die Pflänzchen in Reih und Glied am Rand des Hofes von Gemeda Belda und seiner Frau Mushu Kadesh in Luke Hada (Siraro Distrikt, Äthiopien). Dennoch setzen die Beiden viel Hoffnung auf die elf Baumsetzlinge der Sorte Grevillea Robusta. Diese Silbereichen sollen in den nächsten zehn Jahren zu stattlichen Bäumen heranwachsen. „Die Stämme werde ich in zehn Jahren zu guten Preisen an die lokalen Möbelschreiner verkaufen können“, ist er überzeugt und fügt bei, dass die Eichenäste gutes Feuerholz liefern und die zerkleinerten Blätter ans Vieh verfüttert werden.  

Grosse Nachfrage nach Bauholz  
Das Holz der Grevillea Robusta ist in Äthiopien sehr gefragt. Zudem weiss Gemeda Belda, dass die wachsenden Bäume von Jahr zu Jahr mehr Schatten werfen, das Mikroklima auf dem Hof verbessern und den Boden gegen Erosion schützen werden. Diese Vorzüge sind wichtig im heissen und trockenen Siraro. Das Gebiet westlich der Stadt Sashemene im Süden Äthiopiens liegt im Regenschatten einer Bergkette und leidet häufig unter schlimmen Dürren. Allein seit 2005 ereigneten sich hier fünf solcher Extremsituationen, welche die Menschen in die Abhängigkeit von der Nahrungsmittelhilfe trieben. Seither sind viele Familien gefangen in der Armutsfalle.

Bäume spenden schatten, schützen gegen Erosion. Sie liefern Früchte, Bau- und Brennholz, und Ihre Blätter sind Grünfutter für das Vieh.
Die Pflege der Baumsetzlinge liegt vorallem bei Mushu Kadesh.
Mushu Kadesh und ihr Mann Gemeda Belda haben begonnen, auf ihrem Hof Bäume anzupflanzen. Dabei werden sie vom motorisierten Projektassistenten beraten und betreut.
Frauen und Mädchen müssen das Brennmaterial zum Kochen oft über weite Strecken schleppen.
Holzproduktion als Einkommensquelle ist auch in Siraro verbreitet. Meist wird aber Eukalyptus angepflanzt, der schnell wächst, aber den Boden auslaugt und viel Wasser braucht.
Die Bodenerosion ist ein grosses Problem in Siraro. Gründe dafür sind die Wetterextreme mit Dürren und sintflutartigen Niederschlägen. Aber auch fehlende Bäume leisten dem Verlust der Bodenfruchtbarkeit Vorschub.
Im Siraro-Distrikt sind die natürlichen Ressourcen knapp. Vorallem Bäume sind unter Druck wegen des Bedarfs an Bau- und Feuerholz.
Gemeda Belda plant langfristig und hat 11 Grevillea-Bäume gepflanzt, die in zehn Jahren wertvolles Bauholz abgeben werden, das er zu einem guten Preis zu verkaufen hofft.
Selbst ist die Frau: Mushu Kadesh will als nächstes Fruchtbäume anpflanzen. Früchte sind wichtig für die gesunde Ernährung und sind auf dem dem Markt gefragt.

 

Erhaltung und Aufwertung der natürlichen Lebensgrundlagen 
Caritas Vorarlberg und deren Schwesterorganisation aus Spanien leisten in Siraro zusammen mit der katholischen Kirche Äthiopiens seit Jahren Nahrungsmittelhilfe. Gemeinsam mit Biovision lancierten die drei Organisationen 2015 schliesslich ein Projekt mit dem Ziel, geeignete Präventionsmassnahmen gegen Hungerkrisen zu entwickeln. Dem Projektteam war klar, dass gegen extreme Trockenheit nicht viel auszurichten ist. Aber mit gezielten Massnahmen, etwa dem Schutz des Bodens vor Erosion und dem Anpflanzen von Bäumen, können die Probleme doch gelindert werden. Im Projektgebiet wurden die Massnahmen zur Erhaltung und zur Aufwertung der natürlichen Lebensgrundlagen gemeinsam mit der Bevölkerung geplant und mit deren Umsetzung begonnen.  

Geld für Nahrung und den Aufbau neuer Verdienstquellen  
Als zweite Vorbeugungsstrategie wurde die Schaffung von Verdienstmöglichkeiten für die notleidende Bevölkerung entwickelt. Geeignete Einkommensnischen waren zuvor in einer wissenschaftlichen Grundlagenstudie sorgfältig eruiert und gemeinsam mit den betroffenen Menschen ausgewählt worden. Neben der Produktion und dem Handel von Baumfrüchten und Holz gehören die Hühnerhaltung und der Eierverkauf, die Imkerei und der Handel mit Honig, das Anlegen von Küchengärten mit nachhaltiger Gemüseproduktion oder der Einstieg in die Ziegenzucht dazu. Die neuen Einnahmequellen sollen die Abhängigkeit der Menschen von der Nothilfe verringern. Mit dem erwirtschafteten Geld sollen sie sich während Dürreperioden Nahrung kaufen können und die Einnahmen in guten Zeiten in den Aufbau weiterer Verdienstquellen investieren.  

Sie und Er  
Gemeda Belda plante seine Einkommensstrategie mit Weitsicht und entschied sich für die Produktion von Möbelholz. Seine Gattin Mushu hätte aber lieber früher Profite gesehen aus dem Projekt, fügte sich aber dem Plan ihres Gatten. „Ich hätte Obstbäume gepflanzt“, sagt sie. Denn mit den Früchten hätte sie den Speiseplan für die siebenköpfige Familie aufwerten und zugleich etwas für die Gesundheit aller tun können. Diese Idee will sie jetzt auch umsetzen und erkundigt sich beim Projekt-Team nach Setzlingen für Papaya- und Avocadobäume. Sie freut sich schon darauf, in ein paar Jahren mit der Überproduktion auf dem Markt selber Geld zu verdienen. Das Stirnrunzeln ihres Mannes mit seinen langfristigen Grevillea-Plänen kümmert sie nicht. Schliesslich ist sie es, die sich jeden Tag zuverlässig um Gemedas kleine Edelhölzer kümmert.