12.05.2016

Geschichten aus Äthiopien

Der goldene Schatz

von Anna Steindl - Kommunikation & Kampagnen


Seit dem Fund unserer Urahnin „Lucy“ in Äthiopien wissen wir, dass die Menschen bereits vor 3.2 Millionen Jahren existierten. Dass Äthiopien jedoch als eines der ältesten Weizenanbaugebiete der Welt gilt und dort eine besonders hohe Sortenvielfalt zu finden ist, wissen nur wenige. 

Viele Jahre glaubte man, nur ein Merkmal spiele im Kulturpflanzenanbau die entscheidende Rolle: der Ertrag. Unterdessen weiss man, dass Eigenschaften wie Trockenresistenz oder Halmfestigkeit unter immer extremer werdenden Wetterverhältnissen heute noch wichtiger sind. Wie entscheidend es ist, die Biodiversität zu erhalten und wie dies gelingen kann, zeigt diese Geschichte aus  Äthiopien.

Quelle für Genmaterial
Mit seiner uralten Tradition des Weizenanbaus ist Äthiopien eines von nur acht Zentren der Biodiversität auf der Erde. Durch jahrtausendelange Selektion der Bauern im Einklang mit der Natur haben sich dort Sorten gebildet, die feindlichen Umweltbedingungen mit wenig Niederschlägen und hohen Temperaturen trotzen können (vergl. kürzlich erschienene Studie). Gegenüber kommerziell gezüchteter Weizensorten weisen einige traditionelle Weizensorten ein stabileres Wachstum und in Trockenzeiten sogar höhere Erträge auf. Ein weiterer Pluspunkt sogenannter Landrassen ist die erhöhte Krankheitsresistenz, besonders gegen den in Ostafrika häufig vorkommenden Schwarzrost.

Der reiche Weizen-Genpool Äthiopiens ist für die Forschung eine wertvolle Quelle, aus der sie Züchtungsmaterial schöpfen kann. Aber nicht nur die Gene sondern auch das alte Wissen der Weizenbauern helfen bei der Entwicklung neuer Sorten, um künftigen klimatischen Herausforderungen besser begegnen zu können.

 

  • Weizen besetzt ein Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche weltweit. © James Rickwood, Some rights reserved, www.piqs.de.
  • In der Vielfalt steckt die Kraft. Die Biodiversität hilft uns Menschen bei der Anpassung an den Klimawandel.
  • Es ist sehr wichtig, auch in Zukunft viele verschiedene Sorten zur Verfügung zu haben um die Welternährung sichern zu können.
  • Der Bezirk Siraro im Süden Äthiopiens wird regelmässig von Dürreperioden heimgesucht.

Klimawandel bedroht bäuerliche Existenzen
Weizen ist eine der bedeutendsten Kulturpflanzen: Er wird weltweit auf etwa 25 % der nutzbaren Landwirtschaftsfläche angebaut. Allerdings befinden sich derzeit nur wenige Weizensorten auf dem Weltmarkt. In Zeiten des Klimawandels könnte ein Mangel an Vielfalt der Menschheit zum Verhängnis werden.

Extremwetterereignisse treffen Kleinbauern in Sub-Sahara Afrika besonders hart. Sorten, die hohe Erträge versprechen, helfen da nicht mehr weiter. Vielmehr benötigen Bauernfamilien in dieser Situation Saatgut und Pflanzmaterial mit natürlich vorhandenen Eigenschaften wie Krankheitsresistenz, Trockentoleranz oder Standfestigkeit. Weil der Genpool durch die moderne Züchtung künstlich verkleinert wurde, sind solche Eigenschaften heute nur noch selten anzutreffen. In Dürregebieten wie dem ländlichen Siraro in Äthiopien laufen die Menschen deshalb ständig Gefahr, von Missernten und Hungersnöten heimgesucht zu werden (siehe auch Biovision Projekt „Ernährungssicherheit in Siraro“).

Kommunale Saatgutbanken als Lösung
Vor etwas mehr als 30 Jahren starben in Äthiopien über eine Millionen Menschen während einer Hungerkrise, ausgelöst unter anderem durch eine länger anhaltende Dürreperiode. Es stellt sich die Frage, ob der Anbau lokal angepasster Sorten und das Wissen dazu den Verlauf der Hungersnot gemildert hätten. Prinzipiell existieren unzählige Landrassen mit passenden Eigenschaften für diverse klimatische Verhältnisse. Diese Sorten sind in nationalen Saatgutbanken verwahrt, die nur schwer zugänglich für die Landbevölkerung sind.

So entstand die Idee, lokal angepasstes Saatgut dort zu lagern, wo es am meisten gebraucht wird, nämlich in den Dörfern. Wichtig dabei ist, dass es an einem sicheren Ort aufbewahrt und von einem verlässlichen Komitee verwaltet wird, das die Entnahme und Rückgabe der Samen regelt. In Äthiopien arbeiten seit einigen Jahren Nichtregierungsorganisationen mit dem Institut zur Erhaltung und Erforschung der Biodiversität (BCRI) am Aufbau kommunaler Saatgutbanken. Die Ziele sind dabei, den Bauern jederzeit Zugang zu Saat- und Pflanzgut lokaler Sorten zu verschaffen und so gleichzeitig die Landrassen für die Zukunft zu erhalten. Die lokalen Saatgutbanken dienen zudem als Trainingscenters, in denen die Bauern lernen, unter welchen Bedingungen bestimmte Sorten angebaut werden können.

Ausblick
Der Anbau und Erhalt alter, traditioneller Sorten stärkt die Widerstandskraft von Kleinbauernfamilien in Ostafrika. Besonders grosse Chancen bietet zudem die verstärkte Zusammenarbeit von Bauern und Wissenschaftlern. Durch die Verschmelzung von altem Wissen mit neuen Technologien können Produkte entstehen, die künftigen Herausforderungen gewachsen sind.

Für Biovision sind neue Erkenntnisse, wie sie die oben erwähnte Studie bereitstellt wichtig. Aber auch innovative Projekte, wie die Schaffung kommunaler Saatgutbanken, sind von grossem Interesse. Bekanntlich setzt sich die Stiftung ja tagtäglich mit grossen Einsatz für die Ernährungssicherheit der Menschen in Ostafrika ein.

Biovision-Projekte passend zum Thema:

Ernährungssicherheit in Siraro

Traditionelles Wissen beleben

Langzeitsystemvergleich