Gut leben mit Suffizienz

Die zehnte Ausgabe des Schweizer Nachhaltigkeitskongresses eco.naturkongress ist am 27. März 2015 erfolgreich über die Bühne gegangen. Es entstanden viele interessante, zum Teil auch kontroverse Diskussionen zwischen den unterschiedlichen Interessensvertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, NGOs, Verbänden und Medien.

Das diesjährige Thema des Kongresses lautete Suffizienz. Mit den Fragen "Wie viel ist genug?", "Was wäre ich mit weniger mehr" und schliesslich der These "Gut leben! Mit Suffizienz gegen Verschwendung", beschäftigten sich die Vertreterinnen und Vertreter der zivilen Gesellschaft im Morgenprogramm. Nach dem Begrüssungswort des Präsidenten vom Verein eco.ch, Beat Jans, eröffnete die Kunstexpertin und jetzige Leiterin Corporate Social Responsibility bei der Mobiliar Versicherung, Dorothea Strauss, den Kongress mit einem anschaulichen Vortrag über die Rolle der Kunst in der Nachhaltigkeitsthematik. Die Journalistin und Autorin Greta Taubert erzählte anschliessend von ihren Erfahrungen, wie sie ein Jahr lang auf Konsum verzichtete und nur auf eigene Kräfte gezählt und mit eigenen Händen angepflanzt oder geschaffen hatte. Im nächsten Vortrag zeigte die "Zero Waste Home"-Autorin Béa Johnson, wie sie ihr Zuhause seit 2008 in ein wahres Null-Abfall-System verwandeln konnte. Die Fotos, die sie dazu zeigte, waren sehr eindrücklich. Rob Hopkins, Gründer der Transition-Town-Bewegung berichtete als letzter Redner des Vormittags von seinen Erlebnissen mit Grassroot Communities, wie auf Gemeindeebene Politik mit Gemeinschaftsaktionen in Richtung Nachhaltigkeit umgesteuert werden kann: "If the people lead, the leaders will follow." (Wenn die Leute führen, werden die Führer folgen.)

...und in den Händen der Besucherinnen und Besuchern zu finden
Biovisions Kampagne samt Samensäcken zum Wettbewerb "Radieschen ziehen" waren auf dem Infotisch...
Thesen des Workshops "Gemeinwohl-Bilanz und Suffizienz"
Podiumsdiskussion im Workshop "Suffizienz in der Schweiz - Impulse durch Sozial- und Geisteswissenschaften"
Serge Latouche erläutert Grundgedanken und aktuelle Ansätze der französischen Décroissance-Bewegung
Gründer der Transition-Town-Bewegung, Rob Hopkins, erzählt enthusiastisch von seinen Communities vor einem interessierten Publikum
Es gab reichlich Rückfragen an den Vorsitzenden der Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks, geleitet von der Fernsehproduzentin und -moderatorin Nathalie Christen
Die Gleichung, mit welcher Bruno Oberle, Direktor des Bundesamts für Umwelt, das Konzept Suffizienz kritisch hinterfragt
Präsident des Vereins eco.ch, Beat Jans, eröffnet den zehnten eco.naturkongress 2015

Vor dem Mittagessen mit vegetarischen und veganen Optionen konnten sich die Kongressbesucher jeweils in einer der 20 Workshop-Gruppen wiederfinden und einzelne Aspekte zur Suffizienz durchleuchten. Biovision-Vertreterinnen besuchten den Workshop "Gemeinwohl-Bilanz und Suffizienz", organisiert vom Verein zur Förderung der Gemeinwohl-Ökonomie Schweiz, und den Workshop "Suffizienz in der Schweiz - Impulse durch Sozial- und Geisteswissenschaften", veranstaltet von den Akademien der Wissenschaften Schweiz. Während beim ersten Workshop klare Massnahmen formuliert werden konnten - wie etwa vegetarische Ernährung als ein Muss für einen nachhaltigen Umgang mit der Umwelt - wurde im zweiten Workshop vor allem über die Definition des Suffizienz-Begriffs diskutiert und was die Geisteswissenschaften dazu beitragen können, um dieses Konzept der Genügsamkeit und des Verzichts der Gesellschaft näher zu bringen. Trotz der unterschiedlichen Ansätze waren sich die beiden Workshops aber in einer Sache einig: alle wünschen sich bessere und integrativere Rahmenbedingungen in der Politik und Wirtschaft, damit aus guten Erkenntnissen auch Taten folgen können.

Am Nachmittag kamen vor allem Vertreter aus der Wissenschaft und der Politik zu Wort. Die Kontroverse begann, als Serge Latouche, einer der Vordenker der französischen Décroissance-Bewegung (Nullwachstum), die Suffizienz als Notwendigkeit für den globalen Norden wie auch Süden erklärte und Ralf Fücks, Vorsitzender der Heinrich-Böll-Stiftung und Grüner Politiker aus Bremen, entgegen hielt, dass nur ein grünes Wirtschaftswachstum unabdingbar für eine global tragfähige nachhaltige Entwicklung sei. Der Direktor des BAFU (Bundesamt für Umwelt), Bruno Oberle, schloss sich seinem deutschen Kollegen an, hinterfragte das Konzept Suffizienz kritisch und betonte stattdessen die Wichtigkeit der Effizienz und Konsistenz aus technischen Innovationen. In der nachfolgenden Podiumsdiskussion debattierte er weiter mit Ursula Hudson, Vorsitzende Slow Food Deutschland, Reinhard Loske, Professor für Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke und Michael Matthes, Vertreter von Science Industries. Schnell wurde klar, dass die Zivilgesellschaft mit den von der Politik und Wirtschaft geschaffenen bestehenden Rahmenbedingungen nicht zufrieden ist.

Wie in den Vorjahren besuchten rund 700 Entscheidungsträgerinnen und Fachleute aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, NGOs, Verbände und Medien den Kongress. Zum zehnjährigen Jubiläum fand der eco.naturkongress erstmals im Theater Basel statt. Rund um den Kongress fand gleichzeitig noch das eco.festival mit attraktiven Marktständen und Rahmenprogrammen statt.