Sattwerden ohne Chemie leicht gemacht

16.03.2017

Chemische Pestizide gegen den Welthunger? Laut Agroindustrie ein absolutes Muss, laut UN-Experten ein Mythos, mit dem endlich aufgeräumt werden muss.

Ein neuer Bericht der UN-Sonderberichterstatterin für das Recht auf Nahrung an den UN-Menschenrechtsrat geht mit der Pflanzenschutzmittelindustrie und ihren Giften hart ins Gericht. Er wirft ihr „systematisches Leugnen von Schäden“ und „aggressive und unethische Marketingstrategien“ vor. Der Bericht spricht von „katastrophalen Auswirkungen von Pestiziden auf die Gesundheit des Menschen und der ganzen Gesellschaft“ und schätzt etwa 200‘000 Todesfälle pro Jahr durch akute Vergiftungen. Die Autorin, UN-Sonderberichterstatterin Hilal Elver, folgert: „Es ist Zeit für einen globalen Wandel hin zu einer sichereren und gesünderen Nahrungsmittelproduktion.“

Agrarökologie: Die Lösung
Als Alternative zur übermässigen Anwendung von Pestiziden werden im Bericht an das höchste UN-Gremium für Menschenrechte und ihre 47 Mitgliedstaaten – darunter auch die Schweiz – agrarökologische Methoden gepriesen. Diese umweltfreundliche Art der Landwirtschaft ist ein langfristiger Schlüssel zur Nahrungssicherheit. Mit an die lokalen Ökosysteme angepassten Techniken erzielten beispielsweise Kleinbäuerinnen und –bauern in Ostafrika heute schon immense wirtschaftliche und soziale Erfolge, ohne dabei Klima oder Böden zu belasten. Für Biovision zeigen Erkenntnisse aus Projekten wie Push-Pull, dem Langzeit-Systemvergleich SysCom, oder dem neu lancierten Beacons of Hope, wie die Transition hin zur Agrarökologie in der Praxis umgesetzt werden kann. Diese Erfahrungen konnte Biovision auch in den Konsultationen zum Pestizid-Bericht der UN-Sonderberichterstatterin erfolgreich einbringen.

Weniger Pestizide, gleiche Erträge
Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung von 7 auf 9 Milliarden Menschen wachsen, die alle mit gesunder Nahrung versorgt werden wollen. Gemäss Agroindustrie ist dies nur mit chemischem Pflanzenschutz zu bewerkstelligen. Aber: „Ein verstärkter Einsatz von Pestiziden hat nichts damit zu tun, den Hunger zu beenden“, sagt Professorin Elver. Vor allem in grossflächig und intensiv angebauten Kulturen wie Ölpalmen und Soja – welche gar nicht für den Verzehr gedacht sind – werden Unmengen an Pestiziden angewendet. Zudem gibt es zahlreiche wissenschaftliche Studien mit eindeutigen Belegen für die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf die Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt. Beispielsweise gelangt eine aktuelle Studie in Nature Plants zur Erkenntnis, dass auch mit deutlich weniger Pestiziden (-42%) die gleichen Erträge erzielt werden können.

Stärken und Schwächen im Regulierungssystem
Der Bericht zeigt auch auf, dass es bei der Anwendung von Pestiziden grosse regulatorische Unterschiede gibt: In vielen entwickelten Ländern und insbesondere der EU werden strenge Regeln nach dem „Prinzip der Vorsorge“ erlassen. So wurden beispielsweise Neonikotinoide (hochwirksame Insektizide) in der EU verboten, kurz nachdem ein massenhaftes Sterben der Honigbienen mit diesem Insektizid in Zusammenhang gebracht werden konnte. In anderen Erdteilen ist das Bild düsterer: Nur 35% der Entwicklungsländer besitzen ein Regulierungssystem für Pestizide, wobei die Durchsetzung meist schwach ist.

Eine Schweiz ohne Pestizide?
Der Bericht der UN-Sonderberichterstatterin ist Wasser auf die Mühlen der Initianten für ein generelles Verbot von synthetischen Pestiziden in der Schweiz. Im November 2016 haben besorgte Bürger bei der Bundeskanzlei die Eidgenössische Volksinitiative „Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide“ eingereicht. Die Sammelfrist läuft noch bis Mai 2018. Die Initiative kann hier unterstützt werden.