16.10.2017

Der Bauer glaubt, was er sieht

Bekelech Tesfaye füttert ihr Vieh, und alle schauen zu. Das ganze Dorf weiss, dass die junge Bäuerin am meisten Milch in Asama gewinnt, und alle kennen den Grund: Bekelech hat das beste Viehfutter und dazu Spitzenerträge im Maisfeld. Das wollen sie jetzt alle. Eine Geschichte zum Welternährungstag…

Von Peter Lüthi, Biovision Projektreporter

Trotz ihrer Schüchternheit scheint Bekelch die Aufmerksamkeit der Nachbarn zu geniessen. Ihre Kühe, Ochsen und Kälber kümmert das Publikum hingegen nicht. Die haben nur Augen und Nasen für das Grünzeug, das sie gierig verschlingen. Sie scheinen zu merken, dass dieses Futter viel nährstoffreicher ist als das dürre Gras, das sie tagsüber auf den kargen Weiden zusammensuchen. Tatsächlich sind die kleinen Desmodiumblätter, ein Leguminosengewächs, aber auch das Brachiariagras echtes Kraftfutter. Die Pflanzen sind – und das ist der eigentliche Clou – ein Nebenprodukt, das auf dem Maisfeld von Bekalech Tesfaye und ihrem Mann Mulugita Uma anfällt. Die beiden säen das Desmodium zwischen die Maispflanzen, und Brachiaria als Saum um das Feld herum. So schützen sie ihren Mais vor einem gefürchteten Schädling: dem Stängelbohrer. Dieses Insekt verursacht in der Region Tolay (Äthiopien) enorme Schäden im Mais und der Sorghumhirse.

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In Asama stösst das Erfolgsrezept von Bekelech und ihrem Mann Mulugita Uma auf grosses Interesse.
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Beklech Tesfaye, Bäuerin in Asama (Tolay) konnte den Teufelskreis der Armut dank der Hilfe zur Selbsthilfe von Biovision durchbrechen.
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In Tolay sind die Weiden karg. Umso wichtiger ist die Push-Pull Methode, die zusätzlich noch Kraftfutter erzeugt.
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Push-Pull im Mais: Desmodium zwischen den Stängeln, ein Saum von Bracharia um das Feld. Der Teppich aus Desmodium schützt zudem den Boden vor Erosion und Austrocknung.
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Desmodium ist ein Leguminsengewächs und reichert den Boden mit Stickstoff an. Bekelech sammelt Desomdiumsamen für die nächste Aussaat.
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Dank Push-Pull konnte Bekelech Tesfaye ihren Mais- und Milchertrag erhöhen und den Viehbestand vergrössern.
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Push-Pull und weitere Projekte von Biovision sorgen für neue Zukunftsperspektiven in Asama (Tolay)
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Der Schlüssel zum Erfolg in Bekelechs Armen: Desmodium links, Bracharia rechts.

 

Die Eine riecht, die Andere duftet

Der Stängelbohrer ist ein kleiner Falter, dessen Larven sich durch die Stängel seiner Wirtspflanzen fressen. Die Forscher des Insekteninstitutes in Nairobi (icipe) fanden heraus, dass die Insekten vom Geruch des Desmodiums zwischen den Maisstängeln vertrieben und vom Duft der Brachiaria aus dem Feld gelockt werden. Die Falter legen ihre Eier schliesslich auf die klebrigen Blätter der Brachiaria, Dort bleibt ihre Brut haften und geht ein. So bleibt der Mais bzw. der Sorghum geschützt und die Bauern vor grossen Verlusten bewahrt. Diese biologische Art der Insektenbekämpfung heisst „Push-Pull“ (vertreiben und anlocken). Sie wird von Biovision mittels Ausbildung von Bäuerinnen und Bauern in Ostafrika seit 15 Jahren verbreitet – so auch in Tolay. Damit leistet Biovision einen Beitrag zur Verbesserung der Nahrungssicherheit und zur Bekämpfung der Armut in diesem von Krisen geschüttelten Gebiet Äthiopiens. 

Mehr Mais, mehr Milch, mehr Geld

Das zeigt etwa das Beispiel von Bekelech Tesfaye und Mulugita Uma in Asama. Im Tolay-Projekt von Biovision wurden seit 2013 Bäuerinnen und Bauern in der Push-Pull Methode ausgebildet. Diese sogenannten „Lead-Farmer“ wurden verpflichtet, die Technik an fünf andere Bauern weiterzugeben und diese bei der Anwendung zu begleiten. Bekelech und Mulugita erlernten Push-Pull von einem dieser Bauern. „Push-Pull ist sehr wichtig für uns, weil wir unsere Mais- und Milcherträge steigern konnten“, meint Bekelech zufrieden. „Früher gab unsere Kuh bloss ¼ bis ½ Liter Milch pro Tag, und die Laktationszeit betrug wegen des knappen Futters nur etwa sechs Monate. Dank dem Kraftfutter aus Desmodium und Brachiaria gibt sie jetzt vier Liter während acht bis neuen Monaten“. Dadurch hat sich die Ernährungssituation merklich gebessert. Sie konnten Überschüsse verkaufen und ihren Viehbestand vergrössern. Besassen sie vorher nur eine Kuh und einen Ochsen, so zählt ihr Bestand heute zwei Ochsen, drei Kälber und zwei tragende Kühe. Einen Ochsen konnten sie bereits zum stolzen Preis von 7'000 Birr verkaufen (ca. 270 Franken). Damit konnten die beiden ihre Lebenssituation merklich verbessern.

Das wurde im Dorf natürlich auch zur Kenntnis genommen. „Unsere Nachbarn wollten stets Viehfutter von uns kaufen“, berichtet Bekelech, „doch wir wollten nicht verkaufen“. Dafür boten die beiden an, ihr Wissen und ihre Erfahrung weiterzugeben. Das Interesse in der Nachbarschaft war gross, und das junge Paar kam seiner Pflicht gleich doppelt nach. Darum gibt es in Asama unterdessen zehn neue Push-Pull Bauern.

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Alle Informationen zur Herbstkampagne im Biovision Newsletter Nr. 47