18.1.2017

Das Fenster zum Nachbargarten

Text von Loredana Sorg, Programmverantwortliche bei Biovision

Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist meistens grüner – so auch in Virhembe, einem Dorf unweit des Kakamega Regenwaldes in Kenia. Wenn die Nachbarin eine gute Idee hat oder erfolgreich eine neue Methode im Gemüseanbau ausprobiert, geht es nicht lange, bis der Bauer auf dem Grundstück nebenan dasselbe tut.

Maurice Musyone, ein umtriebiger Bauer und Mitglied der Muliru Farmer Conservation Group, freut sich über die Nachahme-Versuche seines Nachbars. Biovision unterstützte ihn dabei zusammen mit Forscherinnen und Forschern des International Centers for Insect Physiology and Ecology (icipe), verbesserte Anbaumethoden für die Medizinalpflanze Ocimum kilimandscharicum zu entwickeln und an die lokalen Gegebenheiten anzupassen. Dank optimierter Saatdistanz und einer schonenden Erntemethode – statt mit der Machete schneidet Maurice Musyone das Kraut nun mit der Rebschere – kann er heute drei Mal pro Jahr Ocimum ernten und erzielt dadurch ein deutlich höheres Einkommen.

Gleichzeitig tüftelt er auf seinem halben Hektar Land an der idealen Mischkultur und kombiniert Ocimum mit Zwiebeln, Bohnen oder Kohl. „Wichtig ist, dass die zweite Pflanze nicht gleichzeitig erntereif ist wie Ocimum“, erklärt er. „Dadurch konkurrenziert sie die Hauptkultur nicht, die Erde liegt nie brach und meine Familie hat jederzeit etwas zu ernten und zu verkaufen.“ Maurice Musyone schafft also das Kunststück, seine flächenmässig begrenzten Felder doppelt zu nutzen. Das nahegelegene Unternehmen „Muliru Enterprise“ kauft ihm danach die Heilkräuter ab und verarbeitet sie zu verschiedenen Produkten weiter.

Maurice Musyone mit den Präsidentinnen des Muliru Enterprise und der Kasali Wajane Women Group
Mischkultur mit Zwiebeln
Die Kasali Wajane Women Group mit ihrer Ocimum-Ernte
Maurice Musyones Ocimumfeld


Dass dieser Ansatz lukrativ sein könnte, hat auch sein Nachbar bemerkt. „Noch ist es erst ein kleiner Anteil seiner Felder, aber er hat bereits angefangen, in Reihen zu pflanzen, statt die Samen wie bisher zufällig auszustreuen“, sagt Maurice Musyone stolz. Der innovative Bauer teilt sein Wissen und seine Erfahrungen bereitwillig mit allen, die daran interessiert sein könnten. So lädt seine Familie die örtliche Kasali Wajane Women Group, eine Bäuerinnengruppe für Witwen, dazu ein, ihre Ocimum Ernten auf ihren Hof zu bringen  und gemeinsam für die Trocknung vorzubereiten. Die rund zwanzig Frauen entstielen die Heilkräuter und tauschen sich dabei über den Alltag aus. Diese Treffen sind der ideale Ort, um neue Erkenntnisse weiter zu erzählen und Probleme zu besprechen. Meist betreffen diese die Hühnerzucht oder den Gemüse- und Medizinalpflanzenanbau. Weiss die Familie Musyone etwas Neues, berät sie andere gerne.

Und damit Maurice Musyone à jour bleibt, was gerade auf den Nachbarfeldern läuft, hat er in seine Hecke ein kleines Fenster geschnitten – so können sein Nachbar und er jederzeit auf des anderen Feld blicken.