10.12.2017

Dezembergeschichte 2017: Boji, Kenia

Brautwerbung in Boji

Sie ist hübsch und steht unter der wachsamen Obhut ihrer Eltern und der Nachbarn. Er, ein junger Boranahirte, ist den ganzen Tag unterwegs mit seinen Tieren. Wie können sich da die beiden finden?

Text und Bilder von Peter Lüthi, Biovision 

Kein Jugendtreff, kein abendlicher Ausgang und schon gar kein Handy. Dafür aber strikte Gesellschaftsregeln und überall Augen und Ohren. Wie soll es da ein junger Mann anstellen, seiner Auserwählten den Hof zu machen? Für Mubarak Dabaso und Kaltuma Godana aus Boji im Nordosten Kenias gab es genau eine Möglichkeit dazu.

Für Kaltuma war der tägliche Gang zum Brunnen um Wasser zu holen wie für alle Mädchen ein Muss. Darauf setzte Mubarak, nachdem er ein Auge auf Kaltuma geworfen hatte. Wie die meisten jungen Männer des Borana-Volkes zog er Tag für Tag mit Ziegen, Schafen und Grossvieh durch die trockenen Weiden und kam tagsüber mit den Tieren ein Mal zum Brunnen. Von da an legte er den Weidegang wenn immer möglich so, dass er seine Auserwählte treffen konnte.

Lange Blicke – kurze Worte

Nun sind Wasserstellen in Trockengebieten wenig geeignet für romantische Verabredungen und traute Zweisamkeit. Denn morgens und abends herrscht hier Hochbetrieb. Für Kaltuma und Mubarak musste es genügen, sich wenigstens für einen Augenblick zu sehen und bestenfalls ein paar Worte zu wechseln. Als sie mit Herzklopfen gewahrte, dass seine Blicke immer länger wurden, brauchte sie bloss noch zu warten. Es dauerte allerdings eine Ewigkeit, bis er sich ein Herz fasste. Doch endlich erlöste er sie mit seinem Heiratsantrag. Gerne willigte sie ein.

Jetzt musste Mubarak seine Eltern einweihen und sie um Unterstützung bitten. Bald darauf machten sich die Mutter und der Vater mit einem ersten kleinen Brautgeschenk auf zu Kaltumas Eltern. Das taten sie traditionsgemäss noch zwei weitere Male, jeweils beladen mit Tee, Kleidern oder Bargeld für die Brautfamilie. Als sich die Elternpaare schliesslich einig waren, musste Mubaraks Vater die bevorstehende Heirat mit 4 Ziegen und einem Kamel zu besiegeln. Drei Monate später fand die Hochzeit statt.

Heute sind Kaltuma und Mubarak Eltern zweier Mädchen. Er hat einen Teilzeitjob als Boda-Boda-Fahrer (Motorradtaxi), sie ist Mutter, Hausfrau und Zwischenhändlerin für Gemüse. Dieses ersteht sie direkt von der Brücke eines Lastwagens und bietet es dann auf dem Dorfmarkt feil. Sie würde gerne selber Gemüse anpflanzen, aber dazu ist es in Boji viel zu trocken. Wasser ist ein sehr knappes Gut, zum Bewässern von Gärten reicht es nicht.

„Ich freue mich auf den Tag, an dem ich meinen Mädchen erstmals Kamelmilch zu trinken geben kann“, sagt Kaltuma.
Boji liegt in einer semi-ariden Zone nördlich des Mount Kenya. Wegen extremer Trockenheiten ist hier praktisch nur die Viehzucht möglich.
Morgens und Abends herrscht am Brunnen Hochbetrieb. Für Kaltuma und Mubarak war er die einzige Möglichkeit, sich zu treffen.
Das Wasserholen gehört wie das Holzsammeln zu den täglichen Pflichten der Mächen.
Das Hüten der Tiere ist Sache der Knaben und der jungen Männer
Heute sind Mubarak und Kaltuma verheiratet und haben zwei Töchter. Der Vater verdient etwas Geld als Boda-Boda Fahrer.
Einmal pro Woche bringt ein Lastwagen Lebensmittel ins Dorf. Hier bezieht Kaltuma das Gemüse, das sie an ihrem kleinen Markstand weiterverkauft.
Jeden Tag kochte Kaltuma Ugali (Maisbrei) oder Reis mit Bohnen und Tee. Zum Frühstück gibt es Chapati.
Das Einkommen der Familie reicht oft nicht aus zum Leben. Oft sind sie auf Nahrungsmittelhilfe vom Staat oder Verwandten angewiesen.
Darum wurden sie von der Gemeinde für die Beteiligung am Projekt „Kamele für Dürregebiete“ ausgewählt und erhielten eine junge Stute.
Mubarak Dabaso und Kaltuma Godana aus Boji, einem Borana-Dorf im Nordosten Kenias

 

Ausweg aus der Armut

Das Einkommen der jungen Familie ist mehr als bescheiden. Besonders wenn die Trockenzeiten extrem ausfallen, sind sie auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Aus dieser Abhängigkeit möchten sich Kaltuma und Mubarak lösen. Das könnte bald gelingen, denn die beiden sind Teil des Biovision Projekts „Kamele für Dürregebiete“. Sie wurden von der Gemeinde ausgewählt, weil sie im Unterschied zu anderen doch immerhin etwas Bargeld verdienen und für die Haltungskosten der jungen Kamelstute aufkommen können. „Noch ist das Tier eine Bürde, weil wir jeden Monat 350 Shilling aufwenden müssen für den Hirten und die medizinische Versorgung“, seufzt Mubarak. Jetzt aber sei die Stute geschlechtsreif und werde hoffentlich bald trächtig, meint er. „Ich freue mich auf den Tag, an welchem ich meinen Mädchen erstmals Kamelmilch zu trinken geben kann“, lächelt Kaltuma. Zudem plane sie, ihr Gemüseangebot auf dem Markt mit Milch zu ergänzen und so ihren Verdienst zu erhöhen. Die Chance dazu ist intakt.