14.6.2017

Beeinträchtigte Bäuerinnen und Bauern helfen sich selbst

von Alex McBride, Nairobi

Seit ein paar Monaten wird in der kleinen Ortschaft Gitwe in Kenia ein kleines Feld als Treffpunkt einer Bauerngruppe aus benachbarten Dörfern genutzt, die bereits seit 15 Jahren besteht. Sie treffen sich monatlich, um sich  auszutauschen und sich in Sachen Landwirtschaft mit Unterstützung von Biovision weiterzubilden. In Zukunft möchten sie die Produktion auf ihrem eigenen Land steigern. Das aussergewöhnliche an dieser Gruppe ist, dass alle mentale oder physische Behinderungen haben.

Menschen mit Behinderung werden in Kenia immer noch stigmatisiert und oft nicht ernst genommen. Da es in Kenia kaum eine soziale Infrastruktur für Behinderte gibt, leben diese Menschen meist am Rande der Gesellschaft – entweder abhängig von der Unterstützung ihrer Familie oder wenn das nicht klappt, müssen sie die Unterstützung von Fremden suchen, indem sie auf der Strasse betteln.

Als er erkannte, wie allgegenwärtig das Problem ist, beschloss Pharis Karani aus Karia (ein Dorf nahe bei Gitwe) dieses anzugehen. Nachdem er in seinen Dreissigerjahren blind wurde, wusste Karani, dass das Risiko vollständig von anderen abhängig zu werden, gross war. Nachdem er Kontakt mit einer alten Bekannten, die schon fast ihr ganzes Leben lang blind war, aufgenommen hatte, beschlossen sie Behinderte aus der Region zusammenzubringen, mit dem Ziel das ungerechte Stigma zu überwinden. Kurz darauf entstand die Gruppe Ngakundu mit rund zwei Dutzend Mitgliedern mit verschiedenen Behinderungen, Alter und Geschlecht.

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Pharis Karani ist einer der beiden Gründer von Ngakundu. Obwohl er seit einem Unfall blind ist, hat er es geschafft, sich mit Landwirtschaft und Schuhreparaturen selbst zu versorgen.
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Mitglieder der Ngakundu Bauerngruppe
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Simon Njau ist Schreiner. Er ist taub und leidet unter der Deformierung eines Beines. Wegen seiner Behinderung konnte er nur Teilzeit arbeiten. Nachdem er der Gruppe beigetreten ist, konnte er sich dank dem Kreditsystem eine Vielzweckschreinermaschine kaufen. Jetzt kann er selber Möbel herstellen, was ihm ein wesentlich besseres Einkommen beschert.

 

Karani beschreibt die Bedeutung seiner Gruppe mit einem Swahili Sprichwort, welches die Wichtigkeit seiner Initiative beschreibt: „Wir sagen hier, dass ein Finger keine Laus töten kann.“ Das bedeutet: Menschen mit Behinderung zu integrieren, ist eine Aufgabe. "Nur wenn wir uns zusammenschliessen und sagen: Wir sind hier! wird irgendjemand überhaupt beginnen dir zuzuhören. Wenn Du alleine bist, wirst Du nicht gehört. Um irgendwelche Hilfe zu bekommen, mussten wir uns strukturieren.“

"Obwohl auch andere Gruppen von Behinderten in unserer Region existieren, so liegt unser starker Fokus auf Selbstständigkeit und dem echten Beitrag an die Gesellschaft, welche Ngakundu besonders macht. Während andere von Spenden und Unterstützung leben, fragt unsere Gruppe immer wieder: Bevor ich was bekomme, was habe ich denn etwas geleistet?" berichtet Karani.

Durch die gemeinsamen Anstrengungen schufen die Mitglieder der Gruppe Möglichkeiten für einander in verschiedenen Bereichen zu arbeiten. Zum Beispiel als Schuhmacher, Ladenverkäufer oder zum Nähen und Backen. Darüber hinaus kreierte die Gruppe einen Fond, in den jedes Mitglied einen monatlichen Beitrag von 150 kenianischen Shillings einzahlt (rund $ 1.50), als Teil eines Darlehenssystems. Dieses erlaubt den Mitgliedern von Ngakunda, in verschiedene Businessaktivitäten zu investieren. Der wichtigste Aspekt, der diese Gruppe zusammenhält, ist aber die Landwirtschaft.

Dank der Weiterbildung durch Peter Murage, ein Einheimischer der für das Farmer Communication Programme von Biovision arbeitet, haben die Mitglieder von Ngakundu Wege gefunden ihr eigenes Stück Land noch besser zu nutzen. Gemäss Murage ist die Nachhaltigkeit der Schlüssel zum Erfolg für seine Studenten und so fokussiert er auf Methoden mit denen Lebensmittel produziert werden, ohne dass man zu Beginn Geld investieren muss. Während unseres Besuchs instruierte Murage die Mitglieder, wie sie mit einer Pflanze (tithonia diversifolia), die reich an Stickstoff, Phosphor, Kalium und Magnesium und in der Region stark verbreitet ist, einen natürlichen Pflanzendünger herstellen können.

Solche landwirtschaftlichen Methoden sind einfach in der Praxis und sehr wirksam. Sie brigen entscheidende Veränderungen für Menschen, die auf Grund der sozialen Vorurteile keinen Zugang Wissen, geschweige denn einer Ausbildung haben. Eine blinde Frau, die trotz Einschränkung unabhängig arbeitete, beschrieb wie ihre Maisproduktion vor ihrer Ausbildung von durchschnittlich drei Säcken, nun auf rund 20 Säcke pro 4‘000 m2 angestiegen ist.

Obwohl sich die Qualität ihres Lebens in den letzten 15 Jahren seit die Gruppe gegründet wurde signifikant verbessert hat, haben die Mitglieder nicht das Gefühl, dass die Arbeit erledigt ist. Karani’s Ambitionen bleiben hoch und als nächstes Ziel will die Gruppe ein Stück Land von 4‘000 m2 kaufen, um darauf anderen behinderten Menschen aus der weiteren Region das Wissen und die Techniken, die sie gelernt haben, weitergeben zu können. Zudem wollen sie auf dem Land ein Informationszentrum aufbauen. Auch wenn sie Geld durch ihre eigenen monatlichen Beiträge sammeln, sucht die Gruppe noch nach weiteren Quellen, da die lokale Regierung trotz der Erfolge der Gruppe Ngakunda nach wie vor nicht unterstützt.

Trotz all dieser Hindernisse treibt Karani die Gruppe mit seiner Leidenschaft vorwärts. So bietet er auch für andere Behindertengruppen in der Region, die ein unabhängiges Leben führen möchten, ein gutes Beispiel. Das Engagement, das diese kleine Gruppe demonstriert, ist ansteckend und hat grosses Potential das Leben Einzelner, sowie die Einstellung der ganzen Bevölkerung zu Behinderten zu verändern – was das Motto der Gruppe bestätigen würde: "Behinderung ist nicht Unfähigkeit".